Häufig gestellte Fragen
Kinderarbeit in Indien
Wie definiert man Kinderarbeit?
Kinderarbeit zu definieren ist recht schwierig. Jeder stellt
sich etwas anderes darunter vor, und assoziiert es mit
Bildern und Fotos, die sie/er irgendwo gesehen hat (siehe auch: Die Macht
der Bilder). Der Begriff "Kinder"
wird in der Gesetzgebung normalerweise übers Alter
definiert: in internationalen Abkommen oft jünger als 18
Jahre, die indische Gesetzgebung zur Kinderarbeit betrifft
alle Personen jünger als 15 Jahre. In den Gesetzen und
Abkommen versteht man unter Kinderarbeit meistens eine
Aktivität wirtschaftlicher Natur, d.h. Kinder, die
regelmäßig beschäftigt und entlohnt werden
oder selbstständig für den Markt produzieren.
Dabei werden jedoch einige wichtige Aspekte nicht
berücksichtigt. Kinder, die zuhause helfen z.B. indem
sie auf ihre Geschwister aufpassen oder Wasser holen, sind
ebenfalls Kinderarbeiter, wenn sie damit den Grossteil des
Tages beschäftigt sind. Eine weiter gefasste
Definition wäre z.B. "Kinderarbeit sind die
Tätigkeiten, die von Kindern ausgeübt werden, und
die nicht der Freizeitbeschäftigung oder der Bildung
dienen." Kinderarbeit kann man auch als "regelmässige
und zeitaufwendige Arbeit verstehen, bezahlt oder
unbezahlt, die von Kindern ausgeübt werden."
Wieviele Kinder arbeiten?
Es gibt eigentlich keine wirklich verlässliche Zahlen
zur Kinderarbeit in Indien. Dies hängt mit der Situation
in den ländlichen Gebieten zusammen, und natürlich
mit der Definition. Laut der Internationalen
Arbeitsorganisation ILO sind es über 40 Millionen, laut
indischen Regierungsangaben etwa 14 Millionen. Die Regierung
zählt nur die Kinder, die über Unternehmen
registriert sind, "vergisst" dabei alle Kinder im informellen
Sektor. Die ILO basiert sich auf eine Studie in 2 Distrikten,
deren Ergebnisse sie dann auf ganz Indien hochgerechnet hat;
Zahlen, die aufgrund der sehr unterschiedlichen Begebenheiten
innerhalb Indiens ebenfalls fragwürdig sind. Sicher ist
auf jeden Fall, dass Indien immer noch das Land mit den
meisten Kinderarbeitern weltweit ist.
Wo arbeiten die meisten Kinder?
Die meisten Kinder in Indien arbeiten auf dem Lande (ca. 90
Prozent) und sind überwiegend im Familienbetrieb oder
Haushalt aktiv. Fast vier Fünftel der Kinder sind in der
Landwirtschaft beschäftigt, der Rest im
Dienstleistungssektor. Etwa fünf Prozent arbeiten in
Bergwerken und Steinbrüchen, etwa acht Prozent im
Kleingewerbe und in der Industrie. Sektoren, die Kinder in
der Fabrikation für den Export beschäftigen,
beschränken sich im Wesentlichen auf die Edelstein- und
die Teppichbranche und absorbieren allenfalls drei Prozent
der arbeitenden Kinder. (www.fes.de: Politik und
Gesellschaft 3/2001)
Warum arbeiten sie?
Der Hauptgrund für Kinderarbeit in Indien ist nach wie
vor die Armut der Familie und der Kinder selbst, aber es ist
nicht der einzige Grund. Viele arbeiten in erster Linie um
Geld zu verdienen, entweder um die Eltern finanziell zu
unterstützen und zu entlasten oder aber um für sich
selbst ein paar Rupee zu verdienen für ein Eis oder
fürs Kino. Hinzu kommt, dass viele Kinder und auch deren
Eltern nach wie vor keinerlei oder nur wenig Sinn im
Schulbesuch sehen. Dadurch haben sie natürlich viel
Freizeit und anstatt diese Zeit nur mit Herumlungern und
Spielen zu verbringen, verdienen viele lieber etwas Geld. Ein
Teil dieser Arbeit ist jedoch auch kulturell bedingt. Die
Großeltern haben auf dem Feld gearbeitet, die Eltern
haben auf dem Feld gearbeitet, und es ist für viele
normal, dass die Kinder dies ebenfalls tun. Das gleiche gilt
für Hausarbeit. Die Mädchen sind in der
traditionellen Sichtweise dafür verantwortlich im
Haushalt zu helfen, zu kochen, Wasser zu holen, auf die
jüngeren Geschwister aufzupassen.
Arbeiten und Schule, geht das?
Die Tatsache, dass so viele arbeiten, bedeutet nicht, dass
all diese Kinderarbeiter nie zur Schule gehen. Viele befolgen
das Konzept "earning and learning" (verdienen und lernen).
Sie gehen zur Schule, arbeiten jedoch vor und nach dem
Schulbesuch. Nach wie vor gibt es jedoch eine sehr hohe Rate
von Schulabbrechern ("drop-outs"), die der Schule nach ein
paar Jahren meistens definitiv den Rücken kehren.
Vor kurzem wurde in Indien per Verfassungsänderung die
allgemeine Schulpflicht für Kinder von 6 bis 14 Jahren
eingeführt. Die Schulpflicht wurde noch nicht in
nationales Recht umgesetzt, doch dies dürfte in
nächster Zeit geschehen.
Aber mit der allgemeinen Schulpflicht sind viele Probleme
doch gelöst?
Leider nicht. Schulpflicht hin oder her, die Ursachen, die
zurzeit zu den vielen "drop-outs" führen, sind damit
keineswegs behoben. Zu große Klassen (oft 60
Schüler), eine sehr schlechte Schulinfrastruktur,
unmotivierte Lehrer, die oft gar nicht zum Unterricht
erscheinen usw. all dies führt zu Problemen in den
Schulen im ländlichen Bereich. Die Eltern der reichen
oberen Kasten, die die Macht hätten, Druck
auszuüben, damit die staatlichen Schulen besser werden,
schicken ihre Kinder lieber in teure Privatschulen. Dadurch
vergrößert sich natürlich der Graben zwischen
den Kasten und verstärkt die pyramidale
Klassengesellschaft.
Neben diesen Hindernissen, die sich durch ein
größeres Budget für Bildungsfragen
lösen ließen, gibt es ein weitaus
größeres Problem: der Lehrplan an sich. Viele
Kinder und Eltern der ärmeren Schichten beschweren
sich darüber, dass die Lehrpläne nicht im
Geringsten ihren Bedürfnissen entsprechen und vieles,
was sie in den Schulen lernen müssen, ihnen fürs
spätere Leben rein gar nichts bringe. Die
Lehrpläne sind für eine städtische Elite
ausgerichtet, die später weiter studieren und
irgendwann im Dienstleitungssektor arbeiten. Da 70 Prozent
der indischen Bevölkerung jedoch in den
ländlichen Gebieten leben, und keineswegs alle im
Dienstleistungssektor unterkommen werden, können die
meisten mit den Lehrplänen nichts anfangen.
Ist Kinderarbeit eigentlich verboten?
Im indischen Gesetz zur Kinderarbeit "Child Labour Act" von
1986 wird Kinderarbeit nicht generell verboten. Verboten
werden eine Reihe von Arbeiten unter gefährlichen
Bedingungen gemäss der ILO Konvention 182 über die
schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Dadurch sollen die
extremsten Auswüchse von Kinderarbeit verhindert werden,
allerdings ohne dass alle Arbeiten von Kindern als illegal
bezeichnet werden. Die ursprüngliche Liste der im Gesetz
aufgeführten Tätigkeiten wurde in den letzten
Jahren stark erweitert. Dort, wo die meiste Kinderarbeit
stattfindet, nämlich in der Landwirtschaft, ist
Kinderarbeit nach wie vor legal, allerdings werden die
zulässigen Arbeitszeiten gesetzlich geregelt.
Sollte man Kinderarbeit generell verbieten?
Nein. Durch ein generelles Verbot löst man keine
Probleme, sondern schafft jede Menge neue. Anstatt alle
arbeitenden Kinder in den Zustand der Illegalität zu
versetzen, sollte man eher dafür sorgen, dass die
Arbeitsverhältnisse derjenigen die arbeiten, sich
verbessern, sprich akzeptable Bezahlung und Arbeitszeiten.
Sämtliche Kinder, ob arbeitend oder nicht, sollen die
Möglichkeit einer Schulausbildung bekommen. Die
allgemeine Schulpflicht ist natürlich ein Schritt in die
richtige Richtung. Jetzt muss die indische Regierung
allerdings konsequent genug sein, auch die nötigen
finanziellen Mittel bereit zu stellen, um infrastrukturelle
und organisatorische Probleme zu lösen, sowie den
Lehrplan an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen.
Wichtiger als Kinderarbeit zu verbieten und zu
bekämpfen, ist es die Ursachen von Armut zu
bekämpfen. Welchen Sinn macht es, wenn internationale
Organisationen wie UNO und Weltbank Millionen ausgeben
für Programme, die Kinderarbeit bekämpfen, wenn
gleichzeitig ungerechte und einseitige Handelsgesetze der
gleichen Organisationen die Lebensgrundlage von Millionen
Kleinbauern (und damit ihren Kindern) zerstören? (siehe auch: Die Krise der indischen Landwirtschaft)
Was sagen die Kinder dazu?
Allzu oft wird über Kinder diskutiert und Gesetze
erlassen, die sie direkt betreffen, ohne sie um ihre Meinung
zu fragen. Es gibt seit einigen Jahren eine Reihe von
Vereinigungen von Kinderarbeitern, die sich zusammentun, um
ihre eigenen Rechte zu verteidigen und versuchen ihre Sicht
der Dinge den erwachsenen Entscheidungsträgern klar zu
machen. (Siehe auch: Welttreffen arbeitender Kinder und Jugendlicher)
C.S.