Kinderarbeit in Indien


 

"Lagani ist 11 Jahre alt und lebt im Distrikt Sasaram, im indischen Staat Bihar. Sie arbeitet in einer Ziegelbrennerei, ersetzt dort ihre Mutter, die erkrankt ist. Laganis Bruder hatte 10’000 Rupien vom Fabrikbesitzer ausgeliehen, und Laganis Wochenlohn von 50 Rupien dient nun mit dazu, diese Schuld zu begleichen. Lagani arbeitet von 5 Uhr früh bis spät abends, und muss danach noch im Haushalt helfen. Die nächstgelegene Schule ist eine Stunde zu Fuss von ihrem Zuhause entfernt."

"Jupulli Bhaskar ist 13 Jahre alt und lebt im Staat Andhra Pradesh. Er ist, wie sein Vater, Landarbeiter und arbeitet in Schuldknechtschaft. Für die Hochzeit seiner Tochter hatte der Vater 10’000 Rupien geliehen, und weitere 7’000 zur Verarztung, als er von einem Hund gebissen wurde. Seitdem arbeitet Jupalli von morgens fünf bis abends sieben Uhr. Er reinigt die Tierställe des Landbesitzers, schneidet Futter, schafft Wasser herbei und arbeitet in den Feldern. Als Lohn erhält er jeden Monat fünf Krüge mit Reis."

entnommen und übersetzt aus dem Artikel
"Speaking for themselves" von T.K. Rajalakshmi,
publiziert in der Ausgabe von
"Frontline" vom 2. Mai 1997"

 

Nach Schätzung indischer Entwicklungsorganisationen gibt es in Indien etwa 45 Millionen Kinderarbeiter, d.h. Kinder, die das Leben eines Erwachsenen leben, die viele Stunden für wenig oder gar kein Geld arbeiten, und unter Bedingungen, die ihrer Gesundheit, ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung schaden. Die meisten Kinderarbeiter gibt es in der Landwirtschaft; viele arbeiten auch in Haushalten und im informellen Sektor in den Städten.

 

Es scheint offensichtlich, dass Kinderarbeit mit Armut verknüpft ist, denn Kinder wohlhabender Familien arbeiten nicht. Kinderarbeit beutet Armenverhältnisse aus. Lagani und Jupulli wurden in einen Arbeitsprozess eingebunden, um ihren Familien zu helfen, eine Schuld zurückzahlen; die Einkommen der Eltern allein reichen dazu nicht aus. Das Beispiel zeigt auch, dass Kinderarbeit nicht nur Opfer kennt, es gibt auch Nutzniesser. Kinderabeiter sind für die Arbeitgeber vor allem Arbeitskräfte, die billig sind und gehorchen, die tun, was man ihnen aufträgt, und die nicht gewerkschaftlich organisiert sind.

 

Im Jahr 1986 wurde in Indien ein neues Gesetz über Kinderarbeit gestimmt. Das Gesetz zählt verschiedene Produktionsbereiche auf, in denen Kinderarbeit verboten ist, so in der Glas-, in der Streichholz- und in der Teppichindustrie. Für die indischen Kinderrechtsorganisationen jedoch geht dieses Gesetz nicht weit genug, denn es ficht die Kinderarbeit in Familienbetrieben, in der Landwirtschaft, in den Haushalten und im informellen Sektor nicht an, und gerade dort gibt es die meiste Kinderarbeit. Die Organisationen fordern ein generelles Arbeitsverbot für Kinder unter 14 Jahren, sowie die Einführung des obligatorischen und kostenlosen Schulbesuchs. Letztgenannte Massnahme soll mithelfen, den Teufelskreis von Armut und Perspektivlosigkeit zu durchbrechen.

 

In Anbetracht der Faktoren, die Kinderarbeit verursachen, scheint deren Bekämpfung fast unmöglich. Es gibt in Indien jedoch ein Beispiel, das diese Meinung widerlegt. Im südindischen Staat Kerala setzte die lokale Regierung unter anderem eine Landreform durch, zugunsten einer gerechteren Landverteilung, und verbesserte das öffentliche Gesundheits- und das Schulwesen. Mit dem Resultat, dass die Bildungsrate der Bevölkerung gestiegen ist, die Lebensverhältnisse sich allgemein verbessert haben und... das Ausmaß der Kinderarbeit sich um ein Vieles verringert hat. Nur mit Hilfe eines globalen und zum Teil radikalen Ansatzes lässt sich die Kinderarbeit bekämpfen.

 

 


Photo:

      "Zwei Mädchen zerschlagen Steine zu Straßenschotter (1993)"